Liebe Medienschaffende, lieber Rektor
Am 17. November 2009 besetzten über 400 Studierende den grössten Hörsaal der Universität Zürich. Im Zuge dieser Besetzung bildeten wir die Bewegung Unsereuni, um gemeinsam gegen die Ökonomisierung der Bildung, den Kahlschlag im Bildungswesen und die Elitarisierung der Universität zu protestieren. Die Unileitung versprach, unsere Forderungen ernst zu nehmen und stellte uns für die Weiterführung unserer Arbeit den Pavillon HIM zur Verfügung, mit der Auflage, dass dieser Raum auch wirklich für eine intensive politische Arbeit genutzt wird.
Diese Arbeit führen wir noch immer engagiert und erfolgreich fort. Unser Veranstaltungskalender ist bis Ende März belegt. Wir organisieren Seminare, Kolloquien, Lesezirkel und rege besuchte Vollversammlungen. In Arbeitsgruppen vertiefen wir unsere politische Arbeit und entwickeln unsere Forderungen weiter. Zudem hat sich ein offener und selbstbestimmter Raum entwickelt, in dem sich alle Interessierten an kritischen Diskussionen beteiligen und alternative Lern- und Lehrformen erproben können. Kurz, der Pavillon bietet die Möglichkeit, die vielfältigen Anliegen, die sich während der Unibesetzung artikuliert haben, auszuformulieren und für eine kontinuierliche politische Auseinandersetzung zu festigen.
Vor dem Hintergrund dieser erfreulichen Entwicklung irritiert uns der Beschluss der Unileitung sehr, uns den Pavillon HIM nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag, wir sollen uns stattdessen im Rahmen der bestehenden Strukturen studentischer Mitbestimmung betätigen, verkennt völlig die Tragweite und den dynamischen Charakter unserer Bewegung. Viele von uns haben bereits eingehende Erfahrungen mit den integrierten studentischen Einrichtungen gemacht, und sind von deren äusserst beschränkten Handlungsmöglichkeiten vollständig ernüchtert. Gerade deshalb engagieren wir uns ja für neue Formen der Mitbestimmung. Wir meinen, dass der Pavillon der Bewegung einen Rahmen gibt, in dem ihr offener und lebhafter Charakter gewahrt wird und dennoch konfrontative Situationen vermieden werden können. Trotz der unkonventionellen Struktur von Unsereuni bleibt ihre organisatorische Verlässlichkeit jederzeit gewährleistet: Die Kommunikation mit dem Rektorat verlief stets reibungslos und für beide Seiten zufriedenstellend, und es gab bisher keinerlei Beschwerden über die Nutzung des Pavillons.
Es besteht also auch aus administrativer Sicht keinerlei Anlass, dieses Projekt zu beenden. Sollte die Unileitung dies anders sehen, ist sie selbstverständlich eingeladen, allfällige Probleme an einer unserer Vollversammlungen einzubringen, es wird sich gewiss eine gute Lösung finden. Im Vorgehen der Unileitung erkennen wir den Versuch, unsere Kampagne möglichst sang und klanglos abzuklemmen. Dies ist völlig unangemessen; wir stehen erst am Anfang einer überfälligen breiten Auseinandersetzung mit bildungspolitischen Problemen, welche ein Engagement von allen erfordert, die in den universitären Prozess eingebunden sind. Unsereuni muss als Repräsentantin der studentischen Unzufriedenheit bei allen kommenden Gesprächen handlungsfähig bleiben und ernst genommen werden. Dafür ist es unabdingbar, dass wir über die dafür notwendige Infrastruktur weiterhin verfügen können. Wir erhoffen uns für die weitere politische Zusammenarbeit auch von der Universitätsleitung ein initiatives Vorgehen, welches über blosse Lippenbekenntnisse hinausgeht. Die breite Unterstützung, die wir auch von Seiten der Dozierenden erfahren haben, macht deutlich, dass unsere Anliegen keine rein studentischen sind und eine tiefgreifende Veränderung auf allen universitären Ebenen unbedingt wünschenswert ist. Gerne nutzen wir den Pavillon HIM weiter und hoffen, dass die Universitätsleitung uns dabei unterstützt.
Mit freundlichen Grüssen
Unsereuni